Geschichte
Gersau im Kanton Schwyz, Dorf von nationaler Bedeutung
Quelle: ISOS www.isos.ch
Zu Herkunft und Geschichte der weltkleinsten Republik
Der 1064 erstmals bezeugte Ortsname "Gersouwe" lässt auf eine alemannische Besiedlung im frühen Mittelalter schliessen. Die isolierte Lage des Dorfes, das während Jahrhunderten nur auf schmalen Fusswegen oder über den See erreichbar war, vor allem aber die Rivalität zwischen Schwyz und Luzern begünstigten die historisch einzigartige Entwicklung zum winzigen Freistaat. Im Jahre 1390 kauften sich die Gersauer von der österreichisch-habsburgischen Vogtei los und organisierten sich in einem freien Gemeinwesen mit Landsgemeinde, Gericht, Rat und Landammann. Bis 1798 galt Gersau als kleinste Republik der Welt. Vermutlich ab 1332, sicher aber ab 1359, stand das Dorf als zugewandter Ort im Bündnis mit der Eidgenossenschaft. Auf die Wirren der napoleonischen Epoche folgte 1817 der unfreiwillige Anschluss an den Kanton Schwyz. Die Gemeinde bildet seither einen eigenen Bezirk im Kanton.
Wirtschaftliche Entwicklung
Zu Landwirtschaft - Ackerbau, Obstbau, Viehzucht -, zu Fischfang und Schifffahrt gesellte sich im 18. Jahrhundert die Seidenindustrie. Die spezielle politische Situation liess zu, dass sich etwa ab 1730 in der freien Republik die Verlagsindustrie entfalten konnte. Gesponnen wurde vorerst in Heimarbeit auf manueller Basis, und zwar vorwiegend für die Basler Seidenbandindustrie. 1763 wurde die erste, 1771 die zweite Manufaktur eröffnet
Der Bau dreier Florettspinnereien entlang des Dorfbachs signalisierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts den Übergang zur industriellen Produktion. Den Anfang machte 1847 die 1926 abgebrannte Fabrik im Eggi oberhalb des Dorfes, 1860 folgte die mittlere Fabrik auf der Bleichi und bereits ein Jahr später jene am See. Ab 1875 standen die Betriebe krisenbedingt meist still. Sie wechselten mehrmals die Besitzer, ehe sie 1892 in der neugegründeten Schappe- und Cordonnetspinnerei Camenzind & Co. zusammengefasst wurden.
Die frühe Industrialisierung liess Gersau bereits im 18. Jahrhundert zu einem stattlichen Dorf anwachsen. Mit 1300 Einwohnern gehörte es 1799 zu den grösseren Gemeinden der Region. Das alte Bauern- und Fischerdorf entwickelte sich aber nicht nur zum Industrieort, sondern dank seiner geschützten Lage am Südhang der Rigi und dank seinem ausserordentlich milden Klima auch zum Kurort.
Besass das Dorf im Jahre 1775, als Johann Wolfgang Goethe zu Besuch kam, erst vier Wirtschaften, so standen hundert Jahre später an die dreissig Hotels, Pensionen und Restaurants auf dem Gemeindegebiet (inkl. Rigi-Scheidegg). Die meisten Bauten des aufstrebenden Tourismus, darunter auch das 1866 eröffnete Hotel Müller, kamen ans Seeufer zu stehen und prägen seither die Seefront. Der Fremdenverkehr wurde durch das Aufkommen der Dampfschifffahrt (nach 1860) und den Bau der Uferstrasse nach Brunnen (1866/67) und Vitznau (1884-86) begünstigt. In die selbe rührige Zeit gehört die Kanalisierung des immer wieder über die Ufer tretenden Dorfbachs (1826-73).
Die bauliche Expansion war um die Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen. So erscheint Gersau auf der Siegfriedkarte von 1894 als grosses Dorf. Die Uferstrasse ist gebaut, der Bach kanalisiert, die Dampfschiffstation in Betrieb, die drei Siedlungsteile Kirch-, Bach- und Aussendorf sind ausgebildet, alle drei Fabriken und mehrere Hotels auf der Karte deutlich eingezeichnet. Verändert haben sich danach vor allem der Bereich zwischen Seestrasse und alter Dorfstrasse (diverse Abbrüche) und die Umgebungen, wo Wohnüberbauungen und andere Anlagen entstanden sind.
Siegfriedkarte
Der Teuffibach, im 19. Jahrhundert Motor der industriellen Entwicklung, fliesst vom Rigi her steil in den See hinab und trennt das Kirchdorf vom Ausserdorf. Seit dem Bau der drei Spinnereien längs des Bachs um die Mitte des 19. Jahrhunderts und den auf sie folgenden Wohnhäusern ist der Bachraum die eigentliche Industrieachse des Dorfes . Allerdings liegen die Bauten in einer gewissen Distanz zum Bach, denn das wilde Wasser war unberechenbar. Deshalb musste es kanalisiert und tiefer gelegt werden.
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